Das Auto 2.0
Der erste Web 2.0-Autohersteller heißt Local Motors (LM) und arbeitet nach folgendem Prinzip: im Internet übernimmt eine Comunity komplett das Design, die Martktforschung und Konstruktion neuer Autos. Das Pilotprojekt des Start-ups ist vollendet: aus 60.000 derzeit vorhandenen Autodesigns der User wurde das erste Auto von LM, der Rally Fighter, produziert und ist bereits in der Wüste Nevadas auf Achse.
Bisher konnte sich die Autoindustrie noch nicht wirklich mit dem Internet und der schnelllebigen Welt der neuen Medien anfreunden. Was bei Autos nach wie vor am wichtigsten ist, ist eine ausgereifte Technik, eine hohe Sicherheit und Wirtschaftlichkeit. Die Produktionsmechanismen sind klar definiert und es ist zu riskant, neue Trends mitzumachen und zu sehen, was passiert. Was man beim Autobau braucht, ist Sicherheit und Beständigkeit. Das war schon immer so und sollte wohl auch immer so bleiben.
Der Amerikaner Jay Rogers überlässt Design und Konzeption seiner Autos einer Internet-Community
Wäre nicht der Amerikaner Jay Rogers dazwischen gekommen und wollte die Prinzipien des Internets mit Absicht und ganz gezielt auf die Autoproduktion anwenden. Er bedient sich dabei einer interessierten Community im Internet, was bei normalen Automobilherstellern als schwieriges und kostenintensives Unterfangen gilt. In der Regel sind eine ganze Menge kreativer Designer und intelligenter Ingenieure von Nöten, außerdem eine angemessene Fabrik sowie ein funktionierendes und intaktes Vertriebs- und Händlernetz. Rogers meint „Das braucht man alles nicht mehr“ und fungiert als Vermittler zwischen all diesen wichtigen Faktoren und Produktionsschritten. Er war Captain bei der Marine und hat nach dem Studium an der Harvard University bei McKinsey gearbeitet. Der Mann kann also was und könnte vermutlich jeden besseren Führungsposten bei großen Automobilherstellern ergattern. Doch das will er nicht.
„We make cool cars“, erklärt Rogers. Auf die Ausschreibung von Designwettbewerben hin reichen eifrige User Autoskizzen ein und fachsimpeln in Foren über Technik und Produktion. Die meisten unter ihnen sind selbst Industriedesigner oder Fahrzeugingenieure und finden in der Community einen kreativen Ausgleich zum sonst sehr trägen und routinierten Arbeitsalltag.
Das erste Auto von LM: der “Rally Fighter”
2008 reichte der kalifornische Designer Sangho Kim seinen Entwurf ein, der wie ein Mix aus BMW X6 und einem Bigfoot-Truck aussieht. In wenigen Tagen wurde diese Idee von den anderen Usern optimiert und weiterentwickelt und dadurch war entschieden, dass dies das erste Auto sein sollte, was LM bauen sollte.”Nach 60 Tagen hatten wir das Ding durchgeplant”, erinnert sich Rogers. Die einzelnen Arbeitsschritte des Design, der Prototypen bis hin zu den ersten Testfahrten werden detailliert auf der LM-Website dokumentiert. Nach knapp zwei Jahren war das Fahrzeug gebaut und machte seine erste richtige Fahrt in Nevada. Bei großen Herstellern dauert dieser Prozess normalerweise fünf bis sieben Jahre – und ist niemals mit nur derart geringen Kosten wie bei LM verbunden.
Wo kauft LM ein und wie produzieren sie?
LM kauft nach dem Open Source Prinzip Fahrzeugteile, Motoren und Bremssysteme auf dem freien Markt, die später von zehn Mitarbeitern in einer kleinen Fabrikhalle in Massachussetts zusammengebaut werden. Bis November sollen hundert Rally Fighters produziert werden und an Kunden auf Vorbestellung geliefert werden. Dabei sei keinerlei Sonderausstattung verfügbar, jedes Auto gibt es nur in der einfachen Ausführung und so, wie es in Gemeinschaft der User entwickelt wurde. Sollte die Nachfrage in den nächsten Jahren derart ansteigen, würde sich LM wohl nur noch mit der Umsetzung des Designs und dem Marketing beschäftigen. Die Produktion könnte man am leichtesten an herkömmliche Autohersteller abgeben, etwas wie Ford München, die darin erfahren sind und meist ohnehin reichlich Überkapazitäten haben.